Die DomSpitzen: Leben als Geist

Im Jahre 1248 sollte sich das Leben von Rudi und Leo schlagartig ändern – durch ihren Tod! Sie lebten zu dieser Zeit in Köln, verdienten sich ihr Essen mit diesem und jenem, wussten aber scheinbar nicht so recht etwas mit ihrem Leben anzufangen. Hätte es den Begriff „Taugenichts“ zu dieser Zeit noch nicht gegeben, man hätte ihn für sie erfunden. Und vielleicht hat man das ja sogar.

1248 n. Chr. erhielten Rudi und Leo vom Kölner Erzbischof einen Auftrag. Eine ganz leichte Aufgabe: Sie sollten Teile des alten Doms niederbrennen, damit ein neuer Dom gebaut werden konnte.

Rudi Und Leo 1

Als die Nacht jedoch kälter wurde, wollten sie die Gunst der Stunde nutzen und sich etwas dazu verdienen. Sie boten den Obdachlosen für diese Nacht ein Dach über dem Kopf an. Doch Rudi und Leo war es selbst in dem Gemäuer des alten Doms noch zu kühl, und so zündeten sie sich ein kleines Feuer an… das sich schnell zu einem größeren entwickelte – und dann zu einem großen. Viele Menschen starben, darunter auch Rudi und Leo selbst. Doch der Erzbischof, der ahnte, wer Schuld an dieser Katastrophe war, wollte die beiden nicht so einfach gen Himmel ziehen lassen.

Rudi Und Leo 2

Rudi und Leo bekamen eine Strafe: Ihre Aufgabe wurde es, dafür zu sorgen, dass der Kölner Dom vollendet wird! Ihre Strafe wäre erst dann abgegolten, wenn der Kölner Dom wirklich fertig gestellt sein würde. Erst dann, wäre der Weg zu den Himmelspforten für sie frei.

Sorgten sie jedoch selbst durch ihre Unachtsamkeit oder Abwesenheit dafür, dass etwas beim Dombau passierte, so würde sich ihre Strafe um ein zusätzliches Jahr verlängern. Auch gemeine Streiche und Schandtaten, die sie zu Lebzeiten so gerne ausgeheckt hatten, würden die Strafe verlängern. Und immer dann, wenn etwas Schlimmes am Dom passierte, wurden sie augenblicklich auf die Domspitzen zurück versetzt, ganz gleich, wo sie sich auch befanden. Sie waren an den Dom gebunden – und aneinander, denn nur gemeinsam würden sie ihre schwere Aufgabe als Hüter des Doms erfolgreich ausführen können.

Aber, so dachte sich der Erzbischof, es musste auch eine Motivation für die beiden geben und so würde gutes Verhalten belohnt werden. Also würde ihnen immer, wenn sie eine gute Tat vollbrachten, ein Jahr ihrer Strafe erlassen werden.

Rudi Und Leo 3

Das Prinzip war einfach: Sie mussten eigentlich nur Gutes tun und dafür sorgen, dass der Dom fertig gebaut wurde. Natürlich band sie das an den Dom, damit sie immer ein Auge auf das Geschehen haben und ggf. eingreifen konnten, um schlimme Dinge zu verhindern. Leider waren die beiden aber, wie schon zu ihren Lebzeiten, eher faul… und der Dombau selbst tat sein übriges, dass sich ihre Zeit auf der Erde ein wenig in die Länge zog.

Rudi Und Leo 4

Damit Rudi und Leo ihre Aufgabe erfüllen konnten, gewährte ihnen der Erzbischof, dass sie, wenn sie sich anstrengen und konzentrieren, feste Gegenstände beeinflussen können. Aber es gab einen Haken: Wie sich das für Geister gehörte, konnten Menschen die beiden weder sehen noch hören.

Irgendwann fanden sie allerdings heraus, dass es eine Art Lücke im System gab. Denn da der Bischof Tiere nicht mit eingeschlossen hatte, war es ihnen möglich, mit allen Arten von Tieren zu kommunizieren. Genau genommen waren sie sogar in der Lage, die Tiere so zu sehen, wie sie wirklich sind. Seitdem haben sie vielen tierischen Besuchern aus aller Welt die Stadt gezeigt.

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Nun wird man sich fragen: Wenn Leo und Rudi Geister und durchsichtig sind, warum schweben sie dann nicht durch die Luft, sondern laufen durch die Gegend wie normale Menschen? Nun, dafür gibt es Gründe. Eine wenig bekannte Tatsache ist, dass nicht alle Geister fliegen können. Das wird von Autoren oft falsch wiedergegeben. Viele Geister bewegen sich zu Fuß durch die Welt, allein schon aus Gewohnheit. Und damit sind wir auch wieder bei Rudi und Leo. Die beiden sind es einfach gewohnt, zu Fuß zu gehen. Sie könnten, wenn sie sich anstrengten und konzentrierten, die tollsten Geisterdinge tun, z.B. durch Wände gehen, schweben, fliegen… aber das ist ihnen einfach zu anstrengend.

Zudem hat vor allem Rudi das Problem, dass er sich in Stresssituationen nicht richtig konzentrieren kann. In solchen Momenten vergisst er einfach, dass er ein Geist ist und fühlt sich wie ein Mensch – wodurch er vermeidbare Missgeschicke oftmals nicht von sich abwenden kann.

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Irgendwie haben sich die beiden wohl nie so richtig daran gewöhnt, Geister zu sein. Sie essen und trinken für ihr Leben gerne – und für ihren Tod gewissermaßen auch.